Worte und Wurzeln

Von Wolfgang Freitag (Spectrum) 04.11.2006

Christa Stippinger, ihre "edition exil" und das "Schreiben zwischen den Kulturen" - zu zehn Jahren literarischer Integrationsarbeit in Wien.

Hüte dich vor allem, was mit Sät zen wie "Waren das noch Zeiten" beginnt, habe ich mir irgend wann vorgenommen. Und wer von uns Augenzeugen hätte denn gedacht, er würde in Erinnerung an eine Veranstaltungsreihe wie das Freie-Gruppen-Festival "Heftiger Herbst" dereinst die eine oder andere Träne der Wehmut zerdrücken. Man schrieb das Jahr 1987, zur amtsführenden Kulturstadträtin war eben erst Ursula Pasterk ernannt worden, und was immer man dem von ihren "Wiener Festwochen" getragenen "Heftigen Herbst" ästhetisch oder inhaltlich zur Last legen mochte: Allein die Tatsache, dass er geschehen durfte, ist erstaunlich. Aus jetziger Sicht.

Heute heißt der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, und auch wenn es augenblicklich vielen wenig wahrscheinlich scheint: Es werden sogar in seinem Fall die Zeiten kommen, da wir ihm und seiner Art von Sachkompetenz nachweinen werden. So gut wie im Imperfekt ist noch kaum einer im Präsens gewesen.

Bei Christa Stippinger liegen die Dinge anders. Für mich jedenfalls, streng subjektiv. Meine Erinnerungen an ihr Theaterstück "Stark besetzt" und seine Uraufführung beim "Heftigen Herbst" sind spärlich, und wenn ich mich recht entsinne, so habe ich, damals noch Theaterkritiker, Werk wie Präsentation in der "Arena" nicht nur mit Freundlichkeiten bedacht. Was Stippinger seither als Autorin geleistet hat, weiß ich nicht. Was sie allerdings seit 1996 als Gründerin und Organisatorin der "edition exil" und der dazupassenden Literaturpreise für das "Schreiben zwischen den Kulturen" leistet, spricht für sich.

Wien 1996. Seit vier Jahren müht sich Max Koch an der Spitze des Wiener Integrationsfonds mit seiner Agenda - und nicht zuletzt mit jener Wiener Stadtregierung, die ihn selbst inthronisiert hat. Zwei Jahre später wird ebenjene Stadtregierung den lästigen Mahner wieder aus seiner Position entfernen, und der wird bitter bilanzieren, dass Integrationsarbeit ohne Integrationspolitik eben nur "bescheiden" ausfallen könne. Dennoch: Integration steht spätestens seit FP-Ausländervolksbegehren und dem "Lichtermeer" des Jahres 1993 ganz oben auf der Schlagwort-Hitliste politischer Sonntagsreden der aufgeklärteren Art. Dass den massenhaften offiziellen Beschwörungen kaum je - und auch heute nicht - reale Taten folgen, weiß jeder, der, sagen wir, dieser Tage ein x-beliebiges Wiener Pflichtschulhaus betritt und sich mit dem verantwortlichen Lehrpersonal über die Bedingungen unterhält, unter denen hier Tag für Tag handfeste Integrationsarbeit geleistet wird und werden muss.

Christa Stippingers "edition exil" samt dazupassendem Wettbewerb ist eine solche reale Tat, und wie so oft in vergleichbaren Fällen ist es eine, die nicht von oben, sondern von unten kommt. Die schon in der ersten Preisträger-Anthologie von Stippinger formulierte Aufgabenstellung gilt unverändert bis zum heutigen Tag: ",Schreiben zwischen den Kulturen' als Denkanstoß zu mehr Gemeinsamkeit durch Offenheit, zu mehr Anteilnahme durch Auseinandersetzung und nicht zuletzt als ein Beitrag zur Vielfalt der Kultur Österreichs."

Ein Programm, an dem sich unschwer ablesen lässt, dass Integration hier - und zu Recht - nicht als Einbahnstraße gesehen wird: Edition wie Wettbewerb sollen nicht nur zeigen, wie viel Migranten von der neuen Sprache profitieren können, sondern wie viel diese Sprache von Migranten profitieren kann. So sieht sich "edition exil" auch als "Sprachneuland"; und als Ziel des Wettbewerbs wird in den Bewerbungsunterlagen festgehalten: die Entdeckung von Autoren, "die aufgrund ihres neuen, oft unverstellten Blickes auf die deutsche Sprache imstande sind, dieser neue Impulse zu geben".

Dass das mehr als Wunschdenken ist, dafür mag schon allein der Name Dimitré Dinev Beweis genug sein: Der Sieger des Wettbewerbs im Jahr 2000, gebürtiger Bulgare, hat von hier und von der "edition exil" aus eine Schriftstellerkarriere gestartet, die ihn weithin ins deutsche Feuilleton gebracht hat und im April 2007 mit einer Uraufführung bis ins Wiener Akademietheater bringen wird.

Auch die Zahlen, jener Fetisch der Bedeutung, der im kunstpolitischen Diskurs vielfach Fragen der Qualität in den Hintergrund gedrängt hat, lassen keine Zweifel aufkommen: Waren es beim ersten Wettbewerb noch 71 Einsendungen, die es zu sichten galt, so hatte die Jury des Jahrs 2006 - Julya Rabinowich, Feridun Zaimoglu und der Autor dieser Zeilen - mit mehr als 230 Beiträgen zu tun.

Beiträgen wie "Staatenlos" von Rhea Krcmárová: "willkürliche Szenen einer Entwurzelung", geradezu schmerzhaft in ihrer Knappheit und Lakonie, Szenen einer Kindheit in einem fremden Österreich, der alsbald die Entfremdung von der alten Heimat, Tschechien, folgt.
"Weidling, Hauptstraße.
Mama (singt): Zelený hájové, bejvaly ste vi moje . . .
Kind: Mama, bitte!
Mama: Co je?
Kind: Nicht singen!
Mama: Nicht?
Kind: Und nicht tschechisch. Das ist peinlich!"

Oder, ganz anders, "Um des Lebens willen sterben wir!" von Güler Alkan, Tochter aus ostanatolischer Familie, aufgewachsen in Hainburg: eine Kurzerzählung, vorgetragen mit einem Mut zum Pathos, der uns hier und heute ebenso fern ist wie das Sujet, von dem sie handelt - der Ehrenmord: "Dann ging alles sehr schnell. Den Flur wurde ich entlanggezerrt, aber niemand sagte ein Wort. Keine Beschimpfungen, keine Verfluchungen, keine Tritte. Ich wurde auf den Badezimmerboden geworfen, aber konnte die kalten Fliesen nicht gleich spüren. Sie waren bedeckt mit Plastikfolien. Die Ältesten wollten mich an meinen Armen packen, sodass ich mich nicht wehren könnte. Aber an Wehr dachte ich nicht."

Alkans und Krcmárovás Texte werden auch in der Preisträger-Anthologie enthalten sein, die heuer wieder, längst gewohnt, von der "edition exil" als Abschluss des Wettbewerbs zum "Schreiben zwischen den Kulturen" publiziert wird: gemeinsam mit dem eigentlichen Siegerbeitrag, der furiosen Groteske "Alle Menschen sind Schwestern" von Oxana Filippova, einer gebürtigen Sankt Petersburgerin. Ob uns aus Alkan, Krcmárová, Filippova ein neuer Dinev erwächst, wird sich weisen. Doch wenn, dann wird nicht der kleinste Beitrag dazu der der "edition exil" gewesen sein.