Schweigen bleibt nicht Muttersprache

Martina Sinowatz, Rezension zu sohn young: „leimkind“ (edition exil, 2007)

Schweigen bleibt nicht Muttersprache

Familiensituationen wie diese sind – offenbar weltweit – verbreitet: Der Vater ein geldgieriger Choleriker, der seine Frau tyrannisiert, schreit, tobt, das Porzellan zerschlägt, betrügt. Die Mutter, eine Frau ohne Selbstvertrauen, wehrt sich nicht, weint und schweigt und verfällt in eine schwere Depression.
„leimkind“ heißt das in der edition exil erschienene Erstlingswerk von Sohn Young. Die Autorin ist in Seoul (Südkorea) aufgewachsen und lebt jetzt als freischaffende Künstlerin in Wien. In ihrem Buch versetzt sich die Ich-Erzählerin, eine junge Frau, ohne Selbstmitleid in ihre Kindheit zurück und analysiert, wie sie von den Erwachsenen für deren Zwecke missbraucht wurde..
Das Kind ist verwirrt, einsam, alleingelassen zwischen den widersprüchlichen Charakteren und Vorstellungen seiner Eltern. Es verweigert sich, bewegt sich nicht, als würde es versuchen Wurzeln zu schlagen, irgendwo einen Halt zu finden, denn nicht nur, dass ihm seine Eltern keine Geborgenheit vermitteln, ist ihm auch die jeweils häusliche Umgebung fremd. Mindestens zweimal jährlich muss die Familie übersiedeln. Es lohnt sich gar nicht, alle Übersiedlungskartons auszupacken.
Die Haushälterin der Familie beobachtet und kommentiert. Sie verfügt über einen einfachen, sehr konservativen Hausverstand und bringt mit ihren Äußerungen nicht nur die prekäre Situation des Mädchens auf den Punkt, sondern auch den Familienwahnsinn. Eine Hilfe ist sie dem Kind jedoch nicht, im Gegenteil, auch ihre Worte sind  verletzend: Möglicherweise, so klingt es bei ihr durch, wäre alles besser gelaufen, wäre das Kind männlich zur Welt gekommen. Dem Mädchen gelingt das Wunder jedenfalls nicht, das von ihm erwartet wird: „Vater zähmen und Mutter glücklich machen“ – die Eltern zusammenzuleimen, ein „Leimkind“ zu sein.
Kurze, metaphernreiche Sätze prägen den Stil der Erzählung. Fast hat man den Eindruck, ein feuchtes Buch in den Händen zu halten, so eindringlich werden die Tränenströme der Mutter beschrieben. Dann wieder sind die scharfen Scherben spürbar, die der Vater nach seinen Wutausbrüchen hinterlässt, oder die schwerverdauliche Kost, die das hilflose Kind als einzigen Trost in sich hineinstopft – Geldscheine inklusive.  Immer wieder wird das Grundthema aufs Neue aufgegriffen, die Metaphern variieren oft nur minimalistisch, es entsteht der Eindruck einer Spiralbewegung. Zunächst glaubt man, es sei schon alles gesagt, alles bekannt, man fragt sich, was noch folgen könnte. Doch die Kreise, die sich um das Thema „Verhältnis der Familienmitglieder zueinander“ drehen, werden ständig größer und immer schrecklichere Geschichten, immer größere Familiengeheimnisse treten zutage. Sind die Wurzeln des Übels bei den Großmüttern zu suchen? Erklären ihre Verhaltensweisen die Verhaltensweisen der Eltern? Hat sich der Vater einst verstellt oder hat die Mutter Falsches in ihn projiziert?
Die Mutter ist nicht nur das verzweifelte unterdrückte Unschuldslämmchen, wie es zunächst scheint – auch sie besitzt ehrgeizige, sadistische Züge, die sie an ihrer Tochter auslässt und das nicht nur verbal. Es gibt nicht nur Schuldige oder Unschuldige. Manchmal hat sogar der Vater vernünftige Ansichten und die Mutter erkennt ihre Schwächen. Die erzählende Tochter verurteilt weder, noch vergibt sie, aber sie versucht zu verstehen.
Wer jetzt befürchtet, es handle sich um ein bitterernstes, tieftrauriges Buch, sei beruhigt. Ironie ist reichlich vorhanden und es gibt möglicherweise ein Happyend. Die Mutter emanzipiert sich, nimmt ihr Leben schließlich selbst in die Hand, wird erwachsen. Das wissen die Leserinnen und Leser bereits ab dem zweiten Unterkapitel: Es beginnt damit, dass die Mutter nach langer Abwesenheit zurückerwartet wird. Vielleicht kann die Tochter, die drohte in die ungesunden Fußstapfen ihrer Mutter zu treten, aus der Selbstbefreiung der Mutter Kapital für ihr eigenes Leben schlagen. Die Verhältnisse verändern sich nämlich, der Vater büßt an Stärke und damit an Macht ein.
Im letzten Kapitel wird die Klammer geschlossen – wieder geht es um die vor der Tür stehende Rückkehr der Mutter. Alles dazwischen ist Erinnerung und die Frage danach, wie viel dieser Erinnerung denn eigentlich Platz hat in einem menschlichen Gehirn.
Die vielschichtige Erzählung greift psychologische, pädagogische, soziologische und feministische Themen auf, ohne zu moralisieren. Denn wie es im Leben nun einmal ist, gibt es nicht immer eine eindeutige Antwort auf die Frage: Was ist richtig oder falsch?
„leimkind“ ist als Lektüre für ein breites Publikum geeignet. Man kann Bekanntes aus der eigenen Kindheit darin finden und spannend Unbekanntes, die aufgrund der einfachen Satzstruktur leichte Lesbarkeit genießen, aber auch die sprachliche Komposition schätzen, die mit ihren Variationen, Wiederholungen und Refrains fast an ein Musikstück erinnert. 
  
sohn young: leimkind.
erzählung.
edition exil, Wien 2007, 131 Seiten
ISBN: 978-3-901899-34-8