FALTER-BÜCHER-HERBST2012:

Sex steht unter Einverleibungsverdacht

Eine Entdeckung Kein eigener Ort, das Debut der jungen, aus der Slowakei stammenden Autorin Susanne Gregor
 
Der Roman gehört beachtet: Wer Angst hat vor Frauenliteratur, vor solcher, die Herzen oder Seelen zu formlosen Ergüssen bringt, der hat hier Gelegenheit, diese Angst abzulegen, auch wenn in Gregors Roman ein weibliches Ich mit aller gebotenen Intensität und Insistenz die Welt auf den Stand seiner Empfindungen bringt. Die strömende Ich-Rede wird nie formlos, sondern entwickelt ganz natürliche und zugleich disziplinierte Poesie; Metaphern z.B. sind nirgends Klingklang oder Wortprotz, sondern bringen durchgehend literarischen Mehrwert, nämlich den der Anschaulichkeit; eine seriös radikale Autorin.

Ina, österreichische Sprachpraktikantin in Budapest, verliebt sich in Tamás. Liebe: Auf der Suche nach ihrer Identität - Ina schwimmt in einem undefinierten, orientierungslosen, widerstandsarmen Ich - okkupiert sie den Mann, um von ihm identifikatorischen Halt zu empfangen: Was für ein Glück man doch hat, wenn man jemanden findet, der einem so genau zeigt, wer man ist. Das ist natürlich eine aussichtslose Erwartung, andererseits eine unvermeidbare Sucht; denn wer kann schon auf die Substanz eines festen Ichs verzichten, andererseits sie bzw. sich im anderen finden? Inas Körper steht Tamás zur Verfügung; wenn er mich lieben könnte, sagt sie, dann wüsste ich was mit meinem Körper anzufangen. Der Körper ist aber auch nur Mittel (statt Zweck) und daher im Grunde genussunfähig; Ina schaut Tamás bei den Sex-Vorbereitungen an ihrem Körper zu, ohne sein Subjekt zu sein, passiv und höchstens objektinteressiert. Kein Wort der Lust oder Befriedigung. Sex steht unter dem Verdacht, eine Gelegenheit zu sein, sich den Mann bedingungslos einzuverleiben; unter Einverleibungsverdacht steht daher auch der mögliche Empfang eines Kindes. Ina fragt: Liebst du mich? und verliert damit endgültig den Mann, der nur Besucher sein wollte/ konnte.

Eine Schlafwandlerin ihrer Wünsche: die ausschließliche Gültigkeit ihrer Empfindungen macht Ina realitätstaub und totalitär; sie wird sozial inkompatibel, macht ständig Skandal. Ein Tag ohne Tamás: Ich stehe langsam auf, gehe ein paar Schritte im Zimmer herum, wie um meine Beine zu prüfen, ob ich auch ohne ihn noch gehen kann. Im Kasten dann sucht sie nach einem Kleid, das von meinem bettelnden Körper ablenkt. Eine Parasitenfrau: Wenn der Mann da ist, steht sie ihm zur Verfügung; wenn er nicht da ist, wartet sie auf ihn; wenn er wegbleibt, zerbricht sie. Die unvermeidliche Katastrophe - Tamás Abwendung - erfasst dann Inas ganzen Körper: Erbrechen, Fieber, Wahrnehmungsschwächen, Schlaflosigkeit für Tage; die Einverleibung des Mannes ist misslungen: Ina verliert ein Kind von Tamás. Sie überlebt mit den letzten Resten ihres Ichs. Tamás ist mit dem Kind aus ihrem Körper gefallen; Ina erinnert sich an ihre kleine Großmutter, die wuchs, als ihr Mann starb; ihre Eltern kommen auf Besuch; sie hat Lust auf neue Kleider.

Wenn Ina tatsächlich, denkt man als Leser, von ihrer schweren Krankheit geheilt wird, dann ist man erleichtert; aber vielleicht auch ein bisschen enttäuscht, weil die Heilbarkeit den Leiden etwas Episodenhaftes gibt und etwas vom Gewicht des Existenziellen (und möglicherweise des Literarischen) nimmt. Susanne Gregor gelingt es, den Leser sowohl erleichtert als auch enttäuschungsfrei zurückzulassen: Die Geschichte bleibt offen, unausdrücklich und andeutungsweise auch für die Rückgewinnung des Ichs.

Gregors Roman hat die Ausdrucksintensität, Bildhaftigkeit, Direktheit der bedingungslosen Ich-Perspektive, ohne peinlich oder aufdringlich zu werden und ohne diese weibliche Katastrophe als Krankheit zu diskriminieren oder zu verharmlosen. Die erzählerische Souveränität ist für ein Debut erstaunlich. (Helmut Gollner in FALTER 41/12 BÜCHER HERBST)


Die Endlossätze einer ichbezogenen Frau

Anton Thuswaldner in Salzburger Nachrichten 10.07.2012

Eine starke neue literarische Stimme aus Österreich beschwört den Existenzialismus:
Susanne Gregor

ANTON THUSWALDNER SALZBURG (SN). Neunjährig kam Susanne Gregor 1990 aus der Slowakei nach Österreich. Sie lebt in Wien und schreibt ihre Literatur auf Deutsch. Schön, dass sie auf das Emigranten-Plus keinen Wert legt, sondern loslegt mit einer Geschichte, die Innenwelt abzirkelt.

Eine junge Frau ist auf sich bezogen. Ihre Weltsicht ist die einzige, die wir vermittelt bekommen. Alle anderen, mit denen sie zusammenprallt – und auf etwas anderes als einen Crash laufen Begegnungen mit ihr nicht hinaus – werden ihrer kritischen Wertung unterzogen. Sie ist ein Reflexions-ungeheuer, das sich selbst ständig infrage stellt und sich gegenüber anderen gern einen Überlegenheitsstatus zugesteht. Dann wieder macht sie sich klein, verkriecht sich. Eine Zerrissene.

Sie bringt Bewunderung auf für die, für die nichts anderes existiert als das, was sie gerade tun. Die stehen im Einklang mit sich und der Welt, leben drauflos, als ob es keine großen Fragen zu stellen gäbe. Aber sie suchen Ina heim, die um ihr Leben grübelt und darüber auf alles vergisst, was sie in zu einem aktiven Dasein verführen könnte. Ina wird gelebt und hat keine Ahnung, was sie eigentlich will.

Sie hängt sich gegen jede Vernunft an einen Mann, der sie auf Distanz hält. Das lähmt sie nur noch mehr.

Die Ina angemessene Art sich zu bewegen ist das Schlurfen und Schleichen, sie liegt viel herum oder wacht gerade auf, das Hier und Jetzt bedeuten ihr nicht viel. Andere Menschen findet sie rasch öde, sie alle können nicht mithalten mit den Idealen, die sie mit sich trägt. So verheddert sie sich nur noch mehr ins eigene Ich. Gesellschaft ist der Störfall des Daseins, den es zu meiden gilt.

Susanne Gregor erzählt von einer, die sich den anderen verschließt, weil sie nicht herauskann aus diesem vermaledeiten Ich. Immer ist da dieses Unbehagen, ein Gefühl des Ungenügens, eine Ahnung von Verlust. Dabei dreht sich alles um den meistens abwesenden Tamás. Sie folgt ihm von Wien nach Budapest, wo ihr Alleinsein drückend wird. Liebe bleibt ihr verwehrt.

Der Roman zeichnet die Bewusstseinslinien einer jungen Frau auf, deren Verstörung sich in Endlossätzen Luft macht. Dass der Roman trotzdem nicht auf der Stelle kleben bleibt, liegt an der Kraft, mit der die Autorin wechselnde Szenen ausleuchtet, um das Aus-der-Welt-gefallen-Sein immer wieder neu zu inszenieren.

Buch: Susanne Gregor, Kein eigener Ort, Roman, 107 Seiten, edition exil, Wien 2012.



Eine junge Frau fährt nach Budapest und hat Pech – mehr Pech, als es der Leser und sie selbst erwartet hätten. Denn ihre Ausgangssituation ist durchaus nicht schlecht – sie ist jung, hübsch, intelligent und selbstbewusst. Wäre da bloß nicht die Idee gewesen, aus einer kurzen Fernbeziehung eine (noch kürzere) Beziehung in der Stadt des Freundes zu machen.

Die Leserin begegnet Ina, deren Name erst viel, viel später fällt, als Lehrerin an einem Institut, an dem sie unterschiedlich motivierten Studenten Deutsch beizubringen versucht. Erst in immer neuen Rückblenden wird die Geschichte dieses Auslandspraktikums klar: Die etwa 24-Jährige hatte sich in Wien in Tamas verliebt, der in Budapest studiert und alle zwei Wochen in einem Wiener Lokal arbeitet. Bleiben die Umstände dieser Begegnung auch etwas unrealistisch, so ist Inas weiteres Erleben und Handeln immer glaubwürdig und nachvollziehbar. Als sie merkt, wie wichtig Tamas für sie geworden ist, bewirbt sie sich um eine Praktikantinnenstelle in der Stadt der vielen Brücken. Dass Tamas darüber nicht unbedingt erfreut sein wird, ist ihr vorerst nicht bewusst.

Hier kristallisiert sich die zentrale Frage dieses Kurzromans, der ohne Qualitätsverluste auch als Erzählung tituliert werden könnte, heraus: Was kann passieren, wenn eine bis dahin schlecht und recht funktionierende Fernbeziehung bzw. Fernaffäre plötzlich keine Fernbeziehung mehr ist? Ina ist immerhin so vernünftig, dass sie sich nicht etwa bei Tamas einquartiert, sondern sich ein WG-Zimmer bei zwei Studenten nimmt. Was sie allerdings nicht bedacht hat: der Mann, dem sie nahe sein wollte, hat in seiner Heimat-, Kindheits-, Jugend- und Studienstadt ein eigenes Leben, ein riesiges Netzwerk von Freunden und Bekannten beiderlei Geschlechts, darunter auch von früheren Freundinnen. Auf Ina hat er nicht gerade gewartet, auch wenn er sich ihr hin und wieder liebevoll zuwendet. Unglücklicherweise erweist sich Tamas als ein offensichtlich polygam veranlagter Liebender, während Ina – obwohl nicht unerfahren in Umgang mit Männern – doch eher fixierend und eifersüchtig ist. Dass man es mit einem Seitensprung auch geschickter anstellen kann, scheint Tamas nicht zu wissen. Zudem zieht der junge Mann – und damit hat die Leserin schon wieder nicht gerechnet – seine wissenschaftliche Karriere jedwedem Liebeserleben vor. Dass es Ina, in der man doch am ehesten eine Germanistin vermutet, nichts ausmacht, dass Tamas ausgerechnet Wirtschaft studiert, sagt einiges über die Macht der Gefühle und die emotional-sexuelle Abhängigkeit eines jeden verzweifelt liebenden Menschen.

Mit Tamas' Gleichgültigkeit ist es aber noch nicht getan: Inas Pechsträhne geht weiter. Der jungen Frau gelingt es nicht, mit anderen Menschen in ihrer neuen Umgebung Kontakte zu knüpfen. Die Kollegen am Institut sind deutlich älter, ein Ausgehversuch mit FreundInnen eines Mitbewohners scheitert grandios. Und zu allem Übel kommt genau der Mann, der wiederholt Interesse an ihr zeigt, als Liebhaber nicht in Frage. Zwischen all diesen Unmöglichkeiten zerrieben, bleibt der trotz allem besonnenen Heldin nur mehr die heilsame Flucht in die Unterrichtsarbeit.

Susanne Gregor, die schon mehrfach literarisch in Erscheinung getreten ist, zeigt in ihrem Bucherstling mit großer Genauigkeit den Zustand des Nicht-dazugehörens. Ihre Heldin kann in diesem Sommer in Budapest keinen Platz unter der Sonne finden, oder eben, wie Tamas es aus dem Ungarischen übersetzt, keinen eigenen Ort. Inas Aufenthalt in der Stadt gerät zunehmend zu einem Horrorszenario, auch wegen eines äußerst dramatischen, fast lebensbedrohenden körperlichen Ereignisses, an dem Tamas beteiligt ist. Genau dieses heilt sie aber letztendlich von ihrer bedingungslosen Liebe zu dem sich selbst genügenden Mann. Sie kann ihr Praktikum und Budapest mit versöhnlicher Nachsicht verlassen, um eine Erfahrung reicher und ohne große Verlustgefühle.

Doch es sind nicht nur die vielen Wendungen dieser Liebesgeschichte, die die Lektüre unglaublich spannend machen, noch mehr ist es ihre sprachliche Gestalt. Susanne Gregor, die im Schulalter aus der Slowakei nach Wien gezogen ist, beweist hier einen unverwechselbaren Stil, einen konsequent im Präsens gehaltenen Erzählduktus in langen Sätzen, der den Leser immer weiter ins Geschehen hineinzieht. Interessante Beobachtungen, überraschende Reflexionen und eine Reihe von fast immer sehr treffenden Vergleichen beweisen die hohe literarische Qualität dieses Textes. Der häufige Rekurs auf Kindheitserinnerungen und –erfahrungen erinnert an Zeruya Shalevs Liebesleben, die treffende Beschreibung vom Verlauf einer Liebe, die so endet, wie jede (moderne) Liebe enden muss, an Julia Francks Liebediener. Nicht weniger überzeugend sind auch Szenen aus dem Sprachunterricht, zuweilen absurde Momente des WG-Lebens oder atmosphärische Schilderungen des staubig-heißen Budapester Sommers.

Jelena Dabic
22. März 2012