bilder wie wechselbäder. dimitré dinevs stil besticht durch prägnanz und zielsicherheit. heiß und kalt, tragisch und komisch. weltumbrüche von einem satz zum nächsten. in empathie für seine figuren, engagiert gegen die verhältnisse, denen sie unterliegen, lakonisch und distanziert, dennoch hautnah, in sanftmut und bestimmtheit zugleich.
ein phänomen, das lust macht auf mehr.

bernhard wondra, kulturamt mannheim


"dimitré dinevs erzählen ist ein sehr unmittelbares, das im nu eine poetische welt entstehen läßt, deren bewohner uns nahegehen, und doch sind sie so erfrischend anders als die, mit denen wir gerechnet hätten."

barbara frischmuth

Die wunderbare Leichtigkeit des Schreibens
Dimitré Dinevs Erzählungen in "Die Inschrift"
Von Ute Eisinger


Eine wunderbare Leichtigkeit des Schreibens hat Dimitré Dinev in seinem Kopf mitgebracht, als er zur Zeit der Wende mit nur einem einzigen Gepäckstück durchs nächtliche Gebüsch über die tschechisch-österreichische Grenze ging: den Wunsch, so zu schreiben, wie man in seiner Heimat erzählt, und sei es im anderen Land, in seinem Fall Österreich, und sei es in der noch fremden Sprache Deutsch.

Es war kein einfacher und auch kein gerader Weg, den Dinev als Insasse des Flüchtlingslagers Traiskirchen, Spielautomaten-Wart im Wiener Prater, Philosophie- und Slawistik-Student, Verfasser eines preisgekrönten Drehbuchs und eines Theaterstücks nach Euripides' "Trojerinnen" (1999 in Wien uraufgeführt), zurücklegen musste.

Zehn Jahre später wurde Dinevs Debüt, die Sammlung aus fünf zum Teil eher romanartigen Erzählungen, im Mannheimer andiamo Verlag veröffentlicht, nachdem der Autor 2000 den Wiener Literaturpreis für Einwanderer, "Schreiben zwischen den Kulturen" und 2001 im selben Verlag den Literaturwettbewerb mit der Kurzgeschichte "Ein Licht über dem Kopf" gewonnen hatte - einer echten Kurzgeschichte, die von den Leistungen anderer in "Die Inschrift" enthaltener Erzählungen allerdings bei weitem übertroffen wird. Vor allem die titelgebende Geschichte "Die Inschrift" überzeugt: Eine Art balkanische Miniaturform von "Hundert Jahre Einsamkeit", worin eine Schrifttafel die Stürme der Zeit in einem abgelegenen Rhodopen-Dorf mitmacht.

Auch in "Die Handtasche" übernimmt ein Gegenstand die Navigation durch den Reigen seiner Inhaber; doch im Gegensatz zum fantastischen Realismus der "Inschrift" ist die "Handtasche" eher sozialrealistisch, an Maupassant oder Gogol orientiert. Mit der Gaunerbiografie des Schmugglers "Lazarus" sind es drei Geschichten, die in Bulgarien spielen. Die restlichen beiden erweitern den Wirkungskreis ihrer Helden um den Exilort Wien: "Spas schläft" enthält auch Dinevs eigene Erfahrungen, im parabelhaften "Ein Licht über dem Kopf" geht es um den Taxifahrer aus Leidenschaft Plamen, den es schließlich nach Wien verschlägt, wo ihn Polizeibeamte - als namenlosen Illegalen, als hätte er keine eigene Geschichte - verdreschen, womöglich erschlagen.

Das Wunderbare an Dinevs Erzählungen ist die Leichtigkeit, das Natürliche seiner Erzählhaltung, die an keiner Stelle angestrengt oder konstruiert erscheint. Verfügt jemand über dieses Talent, lassen sich selbst die Hürden einer nicht in die Wiege gelegten Sprache bewältigen. Die Kunst des Erzählens, wie sie uns Dinev vorführt, bringt uns etwas entgegen, was wohl im Wesen Bulgariens liegen muss, wo viel geredet und gemunkelt, aufgeschnitten und ausgemalt, geträumt und geweissagt wird.

In  literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2002 » Schwerpunkt II: Belletristik zur Buchmesse 2002