Werde glücklich! - Schleich dich!

Sie sagen, wenn sie einander begegnen: taves bachtalo - werde glücklich! (Weil selten IST jemand glücklich.) Wenn sie einem "Fremden" begegnen, sagt dieser mitunter: Schleich dich, Zigeuner! Die Kurzgeschichten der Brüder Samuel Mago (21, aus Wien) und Karoly (36, aus Budapest) sind doppelter Gewinn: für das bessere Verständnis der Roma - und für die Literatur. -P. im Kurier vom 13.12.2017

Kurier Wertung 4 von 5 Sternen

WERDE GLÜCKLICH - TAVES BACHTALO

„glücksmacher – e baxt romani“, so heißt die Kurzgeschichtensammlung von den Brüdern Samuel Mago und Mágó Károly, erschienen in der edition exil. Das zweisprachige Buch, größtenteils basierend auf wahren Begebenheiten, gewährt LeserInnen einen einzigartigen Blick in die Lebenswelten und Seelen ihrer Figuren.

DIE BEDEUTUNG VON STIMME, SPRACHE UND TEXT
Mir wurde die Ehre zuteil, auf der BUCH WIEN 2017 die Bühnenbetreuung für die Lesung des aus Budapest stammenden Brüderpaares zu organisieren. Obwohl es anfangs vielleicht befremdlich sein musste, sich auf das Prinzip von Back-to-back-Präsentationen einzulassen, blieben die beiden Herren in den schwarzen Anzügen locker und überaus freundlich. Die Texte wurden, an den Aufbau des Buches angelehnt, auf Romanes und Deutsch vorgetragen – auf diese Weise wurde in mir bereits die Faszination für die Sprachmelodie geweckt, deren individueller Klang vom Sprechenden geprägt wird. Als ich das Buch das erste Mal aufschlug, war ich deshalb umso glücklicher darüber, dass die Texte in beiden Sprachen abgedruckt wurden.

FEINHEITEN UND FACETTENREICHTUM
Die 13 Kurzgeschichten, die mit Titeln wie „der uhrmacher“, „jonas und jonuţ“ und „fallen“ versehen sind, habe ich an einem Abend durchgelesen und danach fast traurig das Buch geschlossen, weil man für Kurzweiligkeit den Preis des schweren Loslassens zahlt. Was nicht heißen soll, dass mir die Geschichten nicht lange danach im Gedächtnis geblieben sind und einzeln später nochmal, für sich, gelesen wurden. Es ist nicht nur der subtile, aber klingenscharfe Bezug in jedem Text auf die jeweilige Lebenssituation des „Zigeuners“ in der Geschichte, der Lesenden ungekannte Welten eröffnet; tief beeindruckt hat mich, wie gelungen die Autoren ihren vielen Figuren, ob prominent oder als Nebenpart, einzigartige Stimmen verliehen haben. So spricht der Musiker nach dem Ungarischen Volksaufstand eine ganz andere Sprache als der fleißige ungarische Rom (Jonuţ) aus der Gegenwart, der nach Wien zum Studieren gezogen ist und dort auf den jungen Wiener (Jonas) trifft, der kaum einen Gedanken an seine ungarische Herkunft verschwendet.

ICH TRAF SOGAR GLÜCKLICHE ROMA
Samuel Mago und Mágó Károly schreiben bewegende Geschichten von Menschen, deren Identität von der Gesellschaft, der Politik und/oder den Medien ob ihrer Traditionen, ihrer Lebensverhältnisse oder wegen Ihres Aussehens determiniert wurden. Dies tun sie auf eine Weise, die durch schöne Sprachbilder und authentische Stimmenvielfalt – die sich von den Protagonisten bis zu den Antagonisten ziehen – gekennzeichnet ist. Fast hört man die Musik der Zigeunerkapelle aus dem Text „die ohrfeige“ im Hotel Royal, der höchstes Ansehen aufgrund ihres unerreichten Talents entgegengebracht wurde. Fast hört man den Widerhall der Ohrfeige, die dem Geschäftsführer durch den Musiker Ernő verpasst wird, weil er seine neugeborene Tochter als „eine Zigeunerhure mehr“ bezeichnet.

ALLE GESCHICHTEN HÖREN
Momente des Glück scheinen durch solche Begebenheiten besonders gewichtig. Denn Glück existiert nicht ohne sein Gegenteil. Und mit jenem versucht sich jede Figur auf ihre eigene Weise zu arrangieren. Ein großartiges Werk und wer also noch nach einem literarischen Weihnachtsgeschenk sucht, dem sei „glücksmacher – e baxt romani“ ans Herz und am besten gleich unter den Baum gelegt.

Andrea Travnik
20.12.2017  etc. Magazin - by globbersthemes for globbers joomla templates